BIP Schweiz – Wachstumsanalyse
Wenn es darum geht, die aktuelle, die historische oder die künftige Wirtschaftskraft eines Landes, eines Wirtschaftsraums oder gar weltweit zu würdigen, steht das Bruttoinlandprodukt (BIP) an erster Stelle. Aber welches BIP soll es denn sein: das nominelle, das reale, jenes pro Kopf oder etwa jenes pro geleistete Arbeitsstunde? Eine «Auslegeordnung», aber auch ein langer Blick zurück können weiterhelfen.
BIP Schweiz 1948 ff.: BIP-nominell/-real, Wohnbevölkerung, BIP-Deflator
Öffentlich verfügbar sind nur noch die Zahlenreihen seit 1980. Anhand alter Reihen und mithilfe von OECD-Daten ist eine näherungsweise Rückrechnung bis ins Jahr 1948 möglich. Das folgende Diagramm zeigt die nominelle und die reale Entwicklung des schweizerischen Bruttoinlandprodukts (BIP), ergänzt um jene der ständigen (jahresdurchschnittlichen) Wohnbevölkerung:

In den letzten 77 Jahren hat das nominelle BIP um den Faktor 37.70 (867.786÷23.017) zugelegt, das reale BIP um den Faktor 6.40 (147.145÷23.017) und die ständige Wohnbevölkerung um den Faktor 1.98 (9.088÷4.580). Das mittlere Wachstum des BIP-nominell rechnet sich mit 4,83% pro Jahr (p.a.), des BIP-real mit 2,43% p.a. und jenes der ständigen Wohnbevölkerung mit 0,89% p.a.
Bemerkenswert ist die starke Annäherung des nominellen und des realen BIP-Wachstums in den letzten drei Dekaden. Grund dafür ist der sehr moderate Anstieg des BIP-Deflators, d.h. der mittleren Teuerung der BIP-Komponenten (Privatkonsum, Staatskonsum, Bruttoinvestitionen, Netto-Exporte).

Es leuchtet unmittelbar ein, dass das nominelle BIP kein wirklicher Massstab ist, um die wirtschaftliche Dynamik eines Landes oder etwa eines Wirtschaftsraums zu beurteilen. Schon eher ist es das reale (teue-rungsbereinigte) BIP. Aber auch hier gibt es Abstriche. Es vernachlässigt die Entwicklung der ständigen Wohnbevölkerung, und diese ist in der Schweiz rasant gestiegen. Teilt man nun das reale BIP Jahr für Jahr durch die ständige (jahresdurchschnittliche) Wohnbevölkerung, gelangt man zu einer Kennzahl, die sowohl im Zeitablauf als auch im Vergleich zu andern Ländern oder Wirtschaftsräumen eine weitgehend objektive Analyse erlaubt. Es ist das reale BIP pro Kopf. Im internationalen Vergleich spricht man vom Real GDP per Capita (GDP: Gross Domestic Product).
BIP Schweiz 1948 ff. : BIP-real pro Kopf
Zurückgerechnet mit dem nominellen BIP für das Jahr 2025 von CHF 867.786 Mia. lässt sich für das Jahr 1948 ein nominelles BIP von CHF 23.017 Mia. bestimmen. Dividiert durch die (jahresdurchschnittliche) ständige Wohnbevölkerung 1948 von 4'580'150, resultiert ein BIP pro Kopf von CHF 5'025.34. Schreibt man diesen Ausgangswert Jahr für Jahr fort, erhält man für das Jahr 2025 ein reales BIP pro Kopf von CHF 16'221.43. Seit 1948 ergibt sich so ein reales pro Kopf-Wachstum von 1,53% pro Jahr.

In der jüngsten Dekade ist die ständige Wohnbevölkerung um 0,93% p.a. gewachsen, der BIP-Deflator um 0,60% p.a. und das reale BIP pro Kopf um 0,93%. Diese drei Faktoren bestimmen das nominelle BIP von 2,48% (1.0093 x 1.0060 x 1.0093 = 1.0248 – 1 = 0.0248). Daraus lässt sich ableiten, dass 37,89% des nominellen BIP-Wachstums der wachsenden Wohnbevölkerung geschuldet sind, 24,35% der allgemeinen Teuerung und 37,76% dem realen BIP-Wachstum pro Kopf und mithin dem Produktivitätswachstum. Auch wenn die 37,76% den Durchschnitt der letzten sieben Dekaden (33,46%) leicht übertreffen, ist der Produktivitätsbeitrag nicht wirklich berauschend.
BIP Schweiz 1991 ff. : BIP-real und BIP-real pro Kopf
In der heftig und emotional geführten Diskussion um die sogenannten Bilateralen III wird gerne mit dem BIP-Wachstum argumentiert. Die einen heben die Entwicklung des realen BIP seit 1992 und seit 2002 hervor; die anderen kontern mit dem BIP-real pro Kopf und wollen auf diese Weise das Für und Wider «faktenbasiert» belegen und untermauern.
Weshalb die Perioden 1992 bis 2025, 2002 bis 2025 und zuweilen auch die Periode 1992 bis 2002?
Am 06.12.1992 hat das Schweizer Stimmvolk (Stimmbeteiligung: 78,7%!) die Ratifizierung des EWR-Abkommens (EWR: Europäischer Wirtschaftsraum) mit einem Nein-Anteil von 50,3% knapp abgelehnt. Die Kantone lehnten die Vorlage mit einer deutlichen Mehrheit von 18 zu 8 ab.
Am 01.06.2002 trat das Freizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU in Kraft. Es ermöglicht den Bürgerinnen und Bürgern den freien Aufenthalt und die Arbeit in den Vertragsstaaten unter gleichen Bedingungen wie Einheimische.
Während im ersten Fall (EWR-Nein) quasi der Untergang des Wirtschaftsstandorts Schweiz an die Wand gemalt wurde, schossen im zweiten Fall (Freizügigkeitsabkommen) die Hoffnungen auf eine blühende Wirtschaftszukunft in die Höhe.
Widmen wir uns zunächst der Entwicklung des realen BIP:

Tatsächlich ist das reale BIP zwischen 1992 und 2002 um (bloss) 1,44% gewachsen und von 2002 bis 2025 um 1,91%. Das ist eine Differenz von 0.47 Prozentpunkten.
Wie wir aber gelernt haben, vernachlässigt das reale BIP das Wachstum der ständigen Wohnbevölkerung. Und tatsächlich: Zieht man das reale BIP pro Kopf heran, zeigen sich kaum noch Unterschiede.

Wenn also in der Diskussion über die sogenannten Bilateralen III mit dem BIP argumentiert wird, dann tunlichst mit dem realen BIP pro Kopf. Aber auch dann: Es bringt uns nicht wirklich weiter.
Immerhin: Wenn etwa argumentiert wird, die Zuwanderung habe uns zusätzlichen Wohlstand beschert, so steht diese Interpretation auf ziemlich schwachen Beinen. Sie blendet die Folgekosten des zuwande-rungsbedingten Bevölkerungswachstums aus, so etwa den zusätzlichen Druck auf die Bodenpreise und den Wohnungsmarkt, die stärkere Auslastung von Strassen und öffentlichem Verkehr, die Ausbaukosten für Schulen, Gesundheitswesen, Energie- und Wasserversorgung, die zusätzliche Belastung von Landschaft und Umwelt.
Und noch etwas: Auch das BIP pro Kopf hat durchaus seine Schwächen. Es rechnet bekanntlich den Beitrag der Grenzgänger aus dem Ausland mit ein. Das krasseste Beispiel liefert das Fürstentum Liechtenstein. Das Fürstentum (Abb. 6) führt die internationale Rangliste des (nominellen) BIP pro Kopf mit grossem Abstand an. Ende 2024 wohnten im Fürstentum Liechtenstein 40'886 Personen (ständige Wohnbevölkerung). Gleichzeitig zählte das Land 43'441 Beschäftigte, davon 24'943 aus dem Ausland!
Mit 411'784 Grenzgängern aus dem Ausland ist auch das schweizerische BIP pro Kopf verzerrt, aber – bei einer ständigen Wohnbevölkerung von 9'124'288 per Ende 2025 – nicht wirklich stark.

BIP Schweiz 1991 ff.: BIP-nominell/-real pro geleistete Arbeitsstunde
Der wohl beste verfügbare Massstab für die absolute und/oder relative Wirtschaftsleistung eines Landes bzw. eines Wirtschaftsraums ist das BIP pro geleistete Arbeitsstunde. Man spricht von Arbeitsproduktivität.

Für das Jahr 1991 rapportiert das SECO ein BIP nominell von CHF 391.583 Mia. und 6'919.295 Mio. geleistete Arbeitsstunden. Daraus ergibt sich ein nominelles BIP pro Arbeitsstunde von CHF 56.59. 34 Jahre später, im Jahr 2025, waren es CHF 106.95 (BIP: 867.786, Arbeitsstunden: 8'113.581 Mio.). Zu Realwerten hat sich das BIP pro Arbeitsstunde von CHF 56.59 auf CHF 85.98 erhöht.

Weiter vorn haben wir in Abrede gestellt, dass das reale BIP im Allgemeinen und das reale BIP pro Kopf im Speziellen die Diskussion um die Chancen und Risiken der «Bilateralen III» wirklich voranbringt. Abbildung 9 bestätigt diese Einschätzung. Das gilt vor allem im Vergleich zum realen BIP (Abb. 4). Während dort die Befürworter «auf munitioniert» werden, sind es hier die Gegner bzw. die Skeptiker.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Schweizer Wirtschaft nach wie vor auf dem Wachstumspfad ist. Die Wachstumsdynamik zeigt allerdings nachlassende Tendenz. Wichtig scheint vor allem, dass man sich nicht einfach an Indikatoren orientiert, die eitel Sonnenschein verkünden. Zielführend sind da die Entwicklung des realen BIP pro Kopf, vor allem aber jene des realen BIP pro geleistete Arbeitsstunde (Stichwort: Arbeitsproduktivität).
Im Streit um die «Bilateralen III» greift man gerne jene Zahlen auf, die die eigene Position stüt-zen. Das ist zwar verständlich, bringt uns aber kaum weiter. Wie auch immer der Entscheid aus-gehen wird: Die Schweizer Wirtschaft wird sich so oder so ganz ordentlich schlagen. Schluss-endlich geht es um Themen wie Freiheit, Unabhängigkeit oder Selbstbestimmung.
Zizers, 31. Juli 2026
Max Lüscher-Marty
Voraussichtliches Update:
Juni 2027