Vorbemerkung

In diesen Tagen habe ich mein neues Buch «Geldanlage: Wegweiser zur Anlagekompetenz» abschliessen können. Es wird von Compendio Bildungsmedien vertrieben und ab Mitte April auf dem Markt sein! Vier Monate habe ich im letzten Sommer für die Schreibarbeit eingeplant – fast acht Monate habe ich schlussendlich gebraucht. Aber diese Erfahrung ist für mich nichts wirklich Neues.

Gerne präsentiere ich heute - nach rund sechs Monaten Unterbruch - ein Update meines «Aktienbarometer Schweiz». In Zukunft werde ich mich wieder regelmässig melden, in der Regel zu Beginn jeden Monats.

Ein Update werde ich nach und nach auch den übrigen Seiten meiner Homepage verpassen.

Zizers, 13. März 2020
Max Lüscher-Marty
  

Für Erstbesucher

Lesen Sie zunächst die einführenden Erläuterungen zum Aktienbarometer Schweiz!

Meine Einschätzungen verstehen sich als Beitrag zur Meinungsbildung – nicht mehr, aber hoffentlich auch nicht weniger. Finanzmärkte im Allgemeinen und Aktienmärkte im Besonderen verhalten sich zu oft wie ungezogene Kinder. Sie halten sich nicht gerne an Regeln, auch wenn diese zuweilen durchaus vernünftig erscheinen.

Ich halte mich im Folgenden konsequent an den Swiss Performance Index (SPI). Der SPI ist bekanntlich ein Total Return Index und umfasst alle an der SIX primär kotierten Aktien (ohne Investmentgesellschaften). Er zeigt die Entwicklung des Aktienmarktes Schweiz unter der Annahme, dass die Bruttodividenden unmittelbar reinvestiert werden. Anders der SMI: Er behandelt die Dividenden ex und umfasst bloss die 20 «Grossgewichte». Das Gewicht der Titel mit dem grössten Marktwert (NESN, NOVN, ROG) beträgt maximal 18%.

aktienbarometer Schweiz per 12.03.2020: Die lange Sicht

Am Donnerstag, 12.03.2020, schloss der SPI mit 10'144.29 Punkten. Gemessen am «neutralen» Wert (Mittelwert) meines Trendkanals von aktuell 11'355.41 Punkten, entspricht dies einer «Unterbewertung» von 10,67%!

Wer wirklich langfristig unterwegs ist, kann auf diesem Niveau die eine oder andere Kaufgelegenheit erwägen. Einfach auf Titel zu setzen, die am stärksten eingebrochen sind, wäre allerdings kaum die richtige Strategie. Defensive Titel aus den Bereichen Pharma und Nahrungsmittel sind aber durchaus eine Überlegung wert. Aber auch Versicherungswerte sind womöglich zu hart abgestraft worden. Sollte China wieder Tritt fassen, gilt dies auch für Nicht-Basiskonsumgüter-Werte (z.B. Uhren, Luxusgüter).

Ich gebe gerne zu, dass mich die Rally zum Jahresauftakt (+5,63% bis zum 19.02.2020) ziemlich verunsichert hat, zumal ich zwei, drei meiner (kleinen) Short-Mini-Futures-Transaktionen mit Verlust schliessen musste.

Ich muss auch zugeben, dass mich der anschliessende jähe Absturz kalt erwischt hat. Gerade einmal 10% bis 15% der Korrektur konnte ich abfedern. Soviel «Sprengkraft» habe ich dem Corona-Virus nicht im entferntesten zugetraut. Trotzdem: Realistisch betrachtet, gehen vom Kursverlust seit dem 19.02.2020 von –25,20% nur 10,67%, d.h. die aktuelle «Unterbewertung», zulasten des Corona-Virus. Der Rest (–14,53%) ist nichts mehr und nichts weniger als die Rückkehr zu einer «trendneutralen Bewertung». 

Der Erwartungswert per  31.12.2020 beträgt 12'067.30 SPI-Punkte. Das Erholungspotenzial bis Ende Jahr rechnet sich auf dieser Basis mit rund 19% (+18,96%). Ob die Rückkehr zum Mittelwert (Mean Reversion) in dieser kurzen Zeit tatsächlich gelingt, ist allerdings höchst ungewiss.

Das unmittelbare Erholungspotenzial, bezogen auf eine trendneutrale Bewertung, rechnet sich mit +11,94%. Mit einer raschen Erholung in dieser Höhe ist nicht zu rechnen, und wenn ja, dann nur vorübergehend. Ist die Angst einmal da, kriegt man sie nicht so leicht wieder weg.

    Zwischenergebnis: Orientiert man sich an der «neutralen» Bewertung meines Trendkanal-Aktienbarometers, sind wir aktuell (12.03.2020) auf einem Niveau, das man in einer wirklich langen Sicht als Chance interpretieren kann. Das heisst aber nicht, dass die Talfahrt zu Ende ist. Wie die Historie bzw. mein Aktienbarometer zeigen, gibt es noch einige Luft nach unten. Den «mittleren Worst Case» sehe ich bei rund 9'000 SPI-Punkten.

    aKTIENBAROMETER sCHWEIZ PER 12.03.2020: Die mittlere Sicht

    Aufgrund der Gewinnschätzungen für die kommenden 12 Monate rechnet sich per 12.03.2020 ein Markt-P/E (Markt-KGV) von 14.52. Entsprechend wird am CH-Aktienmarkt im Schnitt rund 14.5-mal der erwartete Gewinn bezahlt. Gemessen am mittleren P/E (KGV) von rund 16.0 ist der CH-Aktienmarkt zurzeit (12.03.2020) mit rund 9% (+9,25%) «unterbewertet». Das Erholungspotenzial rechnet sich mit gut 10% (10,19%).

    Das Markt-P/E von 14.52 basiert auf den aktuellen Gewinnschätzungen. Rechnet man aufgrund des Corona-Effekts mit einem Rückgang der erwarteten Gewinne um 10%, ergäbe sich ein Markt-P/E von ziemlich genau 16.0. Dieses liesse immerhin auf eine neutrale Bewertung schliessen.

      Unterstellt man ein nachhaltiges Markt-P/E (Markt-KGV) für den Aktienmarkt Schweiz von 16.0, ergibt sich per 12.03.2020 ein «fairer» Indexstand für den SPI von 11'176.00 Punkten. Basierend auf einer Standardabweichung von 3,20 P/E-Punkten rechnet sich für den SPI mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 68% eine Bandbreite von 8'940.80 bis 13'411.20 Punkten.

      Nimmt man die aktuellen Gewinnschätzungen zum Nennwert, wäre der Worst Case ein weiteres Absinken des SPI auf einen Punktestand von 8'940.80! Bei einer Revision der Gewinnschätzungen um -10% läge der Boden bei rund 8'100 SPI-Punkten.

        Zwischenergebnis: Geht man davon aus, dass in Asien, in Europa und in den USA die Verbreitung des Corona-Virus nach und nach eingedämmt werden kann und die erwarteten Unternehmensgewinne 2020 nur moderat (z.B. 10%) tiefer ausfallen, ist das aktuelle Kursniveau nachvollziehbar. Das schliesst eine weitere Korrektur bis in die Gegend von 9'000 SPI-Punkten nicht aus. Dies vor allem dann, wenn Konkursmeldungen oder Kreditabschreiber von Banken die Runde machen sollten.   


        aKTIENBAROMETER sCHWEIZ PER 12.03.2020: dIE KURZE sICHT

        In meinem letzten Update vom 19.09.2019 habe ich an dieser Stelle – mit Bezug auf den nachstehenden Chart – folgendes festgehalten:

        «Wie das ... Diagramm zeigt, hat der SPI die Widerstandslinie von rund 11'000 SPI-Punkten Anfang März 2019 durchbrochen. Optimisten fühlten sich dadurch bestätigt. Derzeit versucht der SPI – bereits zum zweiten Mal – aus dem mittelfristigen Trendkanal auszubrechen. An einen Erfolg glaube ich nicht, vielmehr an eine Gegenbewegung in Richtung unteres Ende des Trendkanals, d.h. in Richtung 10'000 SPI-Punkte. Den SMI sehe ich entsprechend (deutlich) unter 9'000 SPI-Punkten.»

          Per 12.03.2020 präsentiert sich derselbe Chart wie folgt:

            Auch wenn ich mit meinem Timing wieder einmal gründlich daneben lag: So falsch war die Einschätzung nicht. Dass allerdings ein klitzekleiner Virus diese Korrektur auslösen könnte und dazu noch in dieser kurzen Zeit – das hatte ich wirklich nicht angedacht.

            Ob an den internationalen Börsen das Schlimmste bereits überstenden ist, wird sich weisen. Solange die 20-Tage-Volatilität über der Marke von 40% notiert, ist keine Entwarnung angesagt. Beim letzten Ausbruch des «Angstbarometers» im Januar 2015 (Aufhebung der EUR/CHF-Untergrenze von 1.20) erholte sich der Schweizer Aktienmarkt sehr schnell wieder. Der nächste Einbruch liess allerdings nicht lange auf sich warten.

            Wie blitzschnell die Aktienmarktkorrektur vonstatten ging, veranschaulicht das folgende Diagramm. Der SPI ist richtiggehend durch das untere Bollinger-Band geschossen. So etwas gab es nicht einmal in der Finanzmarktkrise!

              Zusammenfassung

              Meine beiden Aktienbarometer für die lange und die mittlere Sicht deuten an, dass uns die jüngste Korrektur auf ein realistisches Bewertunsniveau zurückgeführt hat. Diese Einschätzung ist mit der Erwartung (Hoffnung) verknüpft, dass das Corona-Virus in absehbarer Zeit gebändigt werden kann und die Unternehmensgewinne im Schnitt um nicht mehr als 10% nach unten korrigieren.

              Negativmeldungen – z.B. erste Unternehmenskonkurse, erste Kreditabschreiber von Banken – könnten den SPI weiter nach unten drücken. Den Talboden (Worst Case) sehe ich im Bereich von 9'000 SPI-Punkten. Immer ein wenig «short» sein, z.B. mit Short-Mini-Futures, kann also nach wie vor nicht schaden. Put-Optionen sind leider  wie in hochvolatilen Märkten üblich – viel zu teuer.

              Was es jetzt braucht, sind erste Erfolgsmeldungen von der Virus-Front. Angesagt sind aber auch – sei es vonseiten der Medien, sei es vonseiten der Politik – mehr Relativierung und mehr kühle Sachlichkeit in der Kommunikation.

              Zizers, 13./14. März 2020

              Nächstes Update: 05. April 2020