Nach acht Monaten Unterbruch melde ich mich gerne wieder zurück!

Die Neuauflage meiner beiden Bände zur «Theorie und Praxis des Bankkredits» mit allem Drum und Dran (Schaubilder, Diagramme und so) ist seit ein paar Wochen unter Dach und Fach. Für die Pflege meiner Website bleibt wieder mehr Zeit. Ich nutze diese Zeit gerne, um auch mein Aktienbarometer zu reaktivieren. 

Top-Down-Ansatz Mittels Trendkanal-Konzept

Mein «Top-down-Ansatz» − das gebe ich gerne zu − ist ein wenig speziell. Ausgangspunkt ist nicht das aktuelle makroökonomische Umfeld, sondern die lange Kursgeschichte des Aktienmarktes Schweiz. Ich lasse mich von der Beobachtung leiten, wonach sich der Aktienmarkt Schweiz (Total Return) seit Ende 1925 in einem fast idealtypischen Trendkanal nach oben bewegt. Ich verweise auf die «Swiss Investors Charts», Aktienmarkt Schweiz (1)

Definiert man die Trendkanal-Mitte als «faire Bewertung», hätte diese per 31.12.2018 einem Punktestand des Swiss Performance Index (SPI) von 10'374.72 entsprochen. Gemessen am effektiven SPI-Jahreschlusskurs von 9'830.06 Punkten, liess sich so per Ende 2018 eine Unterbewertung von 5,25% bzw. ein Erholungspotential von  5,54% ausmachen.

Mein Trendkanal erweckt den Eindruck, als halte sich das volatile Auf und Ab des Aktienmarktes Schweiz in recht engen Grenzen. Diese mögliche Fehlinterpretation brachte mich dazu, eine Art Aktienbarometer zu kreieren, das die prozentualen Abweichungen vom Mittelwert bzw. vom «trendneutralen» oder «fairen» Wert visualisiert. Optisch geht dabei (leider) die Information verloren, dass der Trendkanal jährlich mit rund 7,85% wächst. Ich verweise auf die «Swiss Investors Charts», Aktienmarkt Schweiz (1).

Für die Fein-Analyse habe ich mein Aktienbarometer − ab 31.12.1987 − auf Tageswerte heruntergebrochen. Ich bezeichne es als SPI-Trendkanal-Barometer, kurz SPI-TK-Barometer.

SPI-TK-barometer per 29.03.2019: Moderate Überbewertung

Am Freitag, 29. März 2019, schloss der SPI mit 11'241.19 Punkten. Gemessen am trendneutralen Wert meines SPI-Aktienbarometers von aktuell 10'572.31 SPI-Punkten, entspricht dies einer «Überbewertung» von 6,33% bzw. einem Korrekturpotential von 5,98%. Die Überbewertung ist mithin moderat.

SPI-P/E-Barometer: Moderate Überbewertung

Die charttechnische Sicht ist die eine, die fundamenentale Sicht die andere. Ein probates Mittel zur fundamentalen Einordnung von Aktienmärkten ist das Markt P/E auf Basis der erwarteten Gewinne für die nächsten 12 Monate (52 Wochen). Man spricht von Forward P/Es (Next Twelve Months, kurz NTM).

    Aufgrund der Gewinnschätzungen für die kommenden 12 Monate rechnet sich per 29. März 2019 ein Markt-P/E von 17.10. Entsprechend wird am CH-Aktienmarkt im Schnitt rund 17.10-mal der erwartete Gewinn bezahlt.  

    Gemessen am mittleren KGV von rund 16.0 (31.12.1995 - 31.03.2019), ist der CH-Aktienmarkt zurzeit (29.03.2018) um rund 7% (6,88%) «überbewertet». Für den Fall, dass man den mittleren Gewinnschätzungen der Analysten traut, kommt man auch hier zum Urteil einer bloss moderaten Überbewertung. Wie die Erfahrung zeigt, sind jedoch die Gewinnprognosen der Analysten zu Jahresbeginn oft zu optimistisch. Angesichts einer konjunkturellen Eintrübung ist deshalb die Wahrscheinlichkeit von Gewinnrevisionen «nach unten» besonders gross.

    Unterstellt man ein nachhaltiges Markt-P/E (Markt-KGV) für den Aktienmarkt Schweiz von 16.0, ergibt sich ein fairer Indexstand für den Swiss Performance Index (SPI) von 10'515.20 Punkten. Basierend auf einer Standardabweichung von 2,2 P/E-Punkten rechnet sich für den SPI mit einer Wahrscheinlichkeit von 68% eine Bandbreite von 8'412.16 bis 12'618.24 Punkten.

      Swiss Market Index: IST DAS GOLDENE kREUZ NACHHALTIG?

      Am Dienstag, 12. Februar 2019, hat die exponentiell gleitende 50-Tage-SMI-Durchschnitts-Linie die 200-Tage-Linie von unten nach oben durchstossen und mithin ein «Goldenes Kreuz» (golden cross) generiert. Dies dürfte nicht wenige Zauderer bewogen haben, die Skepsis abzulegen und in den Börsen-Schnellzug einzusteigen. Bis Ende März hat sich das bezahlt gemacht: Trotz namhafter Dividendenabgänge (NOVN, ROG) hat der SMI bis Ende März weitere 3,83% zugelegt. Im Vergleich zur SMI-Performance im ersten Quartal 2019 (+12,44%) ist das allerdings ziemlich wenig - und verglichen mit einer Erholung seit dem Tiefpunkt am 27.12.2018 (+15,64%) noch etwas weniger.

      Swiss Market Index: Rennen sich die Bullen bald die Köpfe ein?

      Aktuell stellt sich die Frage, ob ein Kursanstieg von 12,44% in einem Quartal nicht unweigerlich zu einer deutlichen Korrektur führen muss. Ich greife hier zwei mögliche Indikatoren auf: die Kursgeschichte und die Charttechnik.

      Die Kursgeschichte des Swiss Market Index seit Anfang 1988 zeigt, dass es für eine bevorstehende deutliche Korrektur wenig Anhaltspunkte gibt. Quartalsgewinne (im ersten Quartal) von mehr als 10% gab es während der vergangenen 30 Jahre sechs Mal (1991: +19,25%, 1992: +10,01%, 1996: +10,49%, 1997: +18,19%, 1998: +21,07%, 2013: +14,53%). Nur ein Jahr (1998) konnte dabei den Kursgewinn des ersten Quartals bis Ende Jahr nicht halten. In vier Jahren (1992, 1996, 1997, 2013) legte der SMI bis Ende Jahr nochmals deutlich zu: So endete das Jahr 1997 (1. Quartal: +18,19%) mit einem formidablen Plus von 58,93%. Immerhin: Auf Basis von Monatsschlusskursen gab der SMI in vier von sechs Jahren zwischenzeitlich nach (1992: -4,65% bis Ende August, 1996: -4,17% bis Ende Juli, 1998: -24,06% bis Ende September, 2013: -1,67% bis Ende Juni).

      Die Charttechnik haben wir bereits weiter oben bemüht. Wir haben festgehalten, dass Mitte Februar 2019 ein goldenes Kreuz generiert worden ist und die Frage gestellt, ob dieses denn auch nachhaltg sei. Betrachtet man das nachstehende Diagramm, kommen Zweifel auf. Zum Einen testet der SMI seit Mitte 2015 bereits zum dritten Mal die Widerstandslinie von rund 9'525 Punkten. Zwei Mal ist der Versuch deutlich gescheitert. Blickt man weiter zurück, ist es bereits der dritte gescheiterte Versuch. Er geht zurück auf Mitte 2007 - unrühmlich in Erinnerung als Ausbruch der Finanzmarktkrise. Was mir auch nicht gefällt, ist die tiefe 20-Tage-Volatilität. Tiefe Volatilitäten sind Anzeichen von (wieder erwachtem) Übermut und Sorglosigkeit. Ein guter Timing-Indikator sind tiefe Volatilitäten allerdings nicht.

        Zusammenfassung

        Mein Aktienbarometer auf der Basis des Trendkanal-Konzepts und jenes auf der Basis der P/E-Konzepts zeigen eine moderate Überbewertung von 6 bis 7%. Für (wirklich) langfristig orientierte Investoren ist das kein Grund zur Besorgnis. In der kurzen Sicht sehe ich jedoch ein ziemlich hohes Korrekturrisiko. Wenn Aktienmärkte vom Opium einer nach wie vor viel zu lockeren Geldpolitik eingelullt werden und die Gewinnerwartungen ins Kraut schiessen, ist äusserste Vorsicht angesagt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der SMI einmal mehr am Widerstand bei 9'500/9600 Punkten abprallt, ist wohl deutlich höher als 50%. Ein paar Franken in SMI-Short-Futures oder in SMI-Puts zu investieren, kann nicht schaden. Sollte der Durchbruch in Richtung 10'000 SMI-Punkte und mehr dennoch gelingen, hält sich der Schaden in Grenzen (siehe dazu meinen Beitrag in der FuW-Sonderbeilage von Anfang Jahr).

        Zizers, 02. April 2019

        Voraussichtlich nächstes Update: Anfang Mai 2019